Traummargen auf Kosten der Beitragszahler – AOK-Chef greift die Pharmaindustrie an

Quelle: Handelsblatt, von Peter Thelen

Fast 40 Milliarden Euro geben die Kassen für Medikamente aus. Hauptkostentreiber sind neue, patentgeschützte Arzneimittel. Der AOK-Chef reagiert ungehalten.

BerlinDer Vorstandschef des AOK Bundesverbands, Martin Litsch, hat die hohen Gewinnmargen der Arzneimittelindustrie kritisiert und in einen unmittelbaren Zusammenhang mit dem starken Anstieg der Preise bei innovativen Arzneimitteln gebracht.

Mit 26,5 Prozent durchschnittlicher Ebit-Marge vor Steuern lägen die Pharmaunternehmen deutlich oberhalb des Niveaus vergleichbarer Branchen, sagte Litsch. So lägen die Margen in der Autoindustrie bei sieben Prozent.

Spitzenreiter, so Litsch, sei dort BMW mit einer Marge von 11 Prozent. „Unter den Pharmafirmen nimmt diese Position Gilead Sciences mit einer Marge von 55 Prozent ein“, sagte Litsch. Er stützt sich dabei auf Daten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY.

Finanziert würden diese Margen vor allem durch die Beitragsgelder der gesetzlich Krankenversicherten. „Die Beitragszahler sind aber nicht dazu da, Pharmafirmen ihre Traummargen zu finanzieren“, sage Litsch weiter. Er könne daher die Hersteller nur warnen, mit ihrer Preispolitik nicht den „Ast abzusägen, auf dem sie sitzen“. Denn die Zahlungsfähigkeit der Krankenkassen sei begrenzt.

Hintergrund der harten Attacke des AOK-Chefs, der die Interessen von mehr als einem Drittel der gesetzlich Krankenversicherten vertritt, ist, dass die Preise der neuen, patentgeschützten Medikamente seit einigen Jahren deutlich ansteigen. Dies veranschaulicht der aktuelle Arzneiverordnungsreport, den Ulrich Schwabe vom pharmakologischen Institut der Universität Heidelberg am Donnerstag in Berlin vorlegte.

Danach sind die Ausgaben der Kassen für Arzneimittel im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um 3,7 Prozent auf 39,9 Milliarden Euro gestiegen, inklusive der Zuzahlungen der Versicherten. Hinter diesem im Vergleich zu anderen Leistungsbereichen nicht herausstechenden Zuwachs verbirgt sich ein dramatisches Geschehen: Während es den Krankenkassen gelang, bei Wirkstoffen, für die kein Patentschutz mehr besteht, über verschiedene Regulierungsinstrumente wie Rabattverträge erneut 11,9 Milliarden Euro einzusparen, stiegen die Ausgaben für neue eingeführte Medikamente exponentiell.

Sie liegen unter Patentschutz. Das bedeutet, der Hersteller hat für die Patentlaufzeit ein Alleinvermarktungsrecht und kann in Deutschland für das erste Jahr nach der Zulassung den Preis völlig frei festlegen.

Im Vergleich zum Vorjahr lagen die Preise der 20 führenden patentgeschützten Arzneimittel 16,3 Prozent höher. Die dadurch entstandenen Mehrkosten von einer Milliarde Euro erklären den größten Teil des gesamten Kostenanstiegs bei Arzneimitteln von 1,4 Milliarden Euro. Insgesamt habe sich der Umsatzanteil der 20 führenden patentgeschützten Mittel in den vergangenen 20 Jahren von 33 auf 45 Prozent erhöht, so Schwabe.

Auch Jürgen Klauber, Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der Ortskrankenkassen und Mitherausgeber des Reports, kritisiert eine deutliche Verschiebung zu Hochpreistherapien, von denen eher kleine Patientengruppen profitieren.

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 „So wurden etwa für die Behandlung von Krebs, Viruserkrankungen und schweren Erkrankungen des Abwehrsystems 34 Prozent aller Arzneimittelausgaben verwendet, bei nur einem Prozent aller verordneten Tagesdosen.“ Damit habe sich der Ausgabenanteil für diese Therapiegebiete von 2007 bis 2017 verdoppelt, so Klauber.

Welche Preise werden aufgerufen? Im Durchschnitt lagen die Tagestherapiekosten für patentgeschützte Medikamente 2017 bei 6,98 Euro am Tag und damit 20 Mal höher als die Kosten von Generika (36 Cent am Tag). Aufs Jahr gerechnet sind es 2500 Euro. Generika sind wirkstoffgleiche Kopien eines Medikaments, dessen Patent ausgelaufen ist.

Doch die Ausreißer nach oben würden stärker und zahlreicher, kritisiert Pharmakologe Schwabe. „Von den 34 Wirkstoffen, die 2017 neu auf den Markt kamen, kosten 24 mehr als 20.000 Euro im Jahr. Bei den meisten Krebsmitteln (Onkologika) liegen die Jahrestherapiekosten bei mehr als 60.000 Euro.“

Besonders stark langten die Hersteller bei den Orphan-Arzneimitteln für seltene Krankheiten zu. „Hier kosten sieben Präparate mehr als 100.000 Euro pro Jahr.“ Dabei stünden Nutzen und Preis oft in keinem Zusammenhang.

So führte Schwabe Beispiele von drei Präparaten mit Jahrestherapiekosten von mehr als 500.000 Euro an, bei denen der Zusatznutzen zu Vergleichstherapien von den Herstellern gegenüber dem Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) nicht belegt oder nicht quantifiziert werden konnte.

Dazu AOK-Chef Litsch: „Es gab vor einigen Jahren einen großen Aufschrei, als ein neues hochwirksames Mittel gegen Hepatitis C auf den Markt kam, weil die Behandlung mehr als 100.000 Euro kosten könnte. Das sind Kleinigkeiten im Vergleich zu heute.“

Litsch nannte drei Beispiele: Brineura – ein Mittel gegen eine Erbkrankheit, die das Gehirn von Kindern schädigt. Jahrestherapiekosten 750.000 Euro. Spinraza – ein Mittel gegen Muskelschwund. Jahrestherapiekosten: 622.000 Euro.

Als drittes Beispiel nannte er neue genetischen Krebstherapien, mit deren Hilfe Abwehrzellen im Körper so umprogrammiert werden, dass sie den Tumor angreifen. Sie sind bisher nur in den USA zugelassen und kosteten dort 370.000 bis 480.000 Dollar im Jahr. Hierbei handele es sich um einen echten Durchbruch in der Krebstherapie, der auch deutschen Patienten zu Gute kommen muss, so Wolf Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Das sehe er genauso, sagte Litsch. Doch es stelle sich die Frage, ob die Hersteller ihre starke Position bei der Preissetzung für solche Innovationen nicht überreizen. In Deutschland haben sie dabei den Vorteil, dass die Hersteller hier im ersten Jahr nach der Zulassung den Preis in beliebiger Höhe festlegen können. Erst für die Zeit danach gilt der Erstattungsbetrag, den die Hersteller auf der Basis einer Nutzenbewertung mit dem Spitzenverband der Krankenkassen aushandeln müssen. In anderen Ländern mit Ausnahme der USA gelten Preisbeschränkungen ab dem ersten Tag.

Die Kassen fordern seit langem vom Gesetzgeber dafür zu sorgen, dass der ausgehandelte Preis rückwirkend auch für das erste Jahr gilt. Die Erwartung ist, dass die Hersteller dann aufhören würden, mit Mondpreisen in den Markt zu gehen. Erwartete Einsparung: 1,1 Milliarden Euro.

Manipulationsmöglichkeit: Seltene Krankheiten

Würden außerdem auch alle vor Einführung der Preisverhandlungen 2011 zugelassenen Mittel auf ihren Nutzen getestet, könnten laut Report weitere 1,5 Milliarden Euro gespart werden. Ein besonderes Ärgernis ist die wachsende Zahl von Zulassungen von Orphan Drugs – Medikamente gegen sehr seltene Krankheiten. Für sie gilt nicht nur ein schnelleres Zulassungsverfahren. Ihr Nutzen wird in Deutschland auch ohne Prüfung anerkannt.

Dies habe dazu geführt, dass der Anteil der Mittel gegen seltene Erkrankungen sich in zehn Jahren auf acht Prozent verdreifacht habe, so Klauber. „Wenn sich diese Entwicklung fortsetzt, dürften es bereits 2024 zwanzig Prozent Umsatzanteil sein.“

Der Chef der Arzneimittelkommission Ludwig sieht klare Anzeichen dafür, dass Hersteller bei neuen Mitteln gezielt die Zulassung als Orphan Drug wählen.

Anschließend würde die Zulassung für immer neue Indikationen beantragt. „Am Ende wird dann aus dem Orphan ein Blockbuster.“ Stoppen könnte man das nur, so Schwabe, indem man Orphans einer strengen Nutzenbewertung unterzieht, wie dies auch in anderen Ländern geschieht. Ein Riesenproblem ist auch der mangelnde Wettbewerb bei biotechnologisch hergestellten Medikamenten nach dem Auslaufen des Patents.

Die Hersteller der Originalpräparate schließen nach den Erläuterungen von Schwabe und Klauber mit den Krankenkassen kurz vor Ablauf des Patents Rabattverträge für das Originalpräparat ab. So halten sie den Wettbewerb von Nachahmerprodukten fern.

Von 14 Anbietern von Nachahmerprodukten mit biologischen Wirkstoffen, Biosimilars genannt, sind sechs Originalanbieter oder deren Tochterfirmen. Diese vereinigen aber aktuell 83 Prozent des Biosimilar-Umsatzes auf sich. Die Originalhersteller bestimmen so selbst entscheidend das Preisniveau der Konkurrenz.

Die Folgen: Das Preisniveau bei Biosimilars ist in Deutschland deutlich höher als in den Nachbarstaaten, ihr Marktanteil aber geringer. Schwabe plädierte daher an den Gesetzgeber, den Krankenkassen das Recht zu geben, bei der Festlegung von Erstattungshöchstpreisen für Biosimilars auch die niedrigen Preise in anderen EU-Ländern berücksichtigen zu dürfen. Litsch regte an, über Zielvereinbarungen mit den Ärzten den Verordnungsanteil von Biosimilars zu erhöhen.

Die Arzneimittelindustrie wies die Kritik des AOK-Chefs an überzogenen Preisen für neue Medikamente zurück. Gemessen an den großen neuen Therapiemöglichkeiten sei die Entwicklung der Arzneimittelausgaben insgesamt „maßvoll“, sagte die Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer.

Dies gelte insbesondere für die Krebstherapie. Die Sterblichkeit bei Krebs in Deutschland sei seit 1990 auch dank moderner Medikamente um 25 Prozent gesunken. „Angesichts dieses Fortschritts ist der Anteil der Krebsmedikamente an den Medikamentenausgaben der Krankenkassen von 14,5 Prozent im Jahr 2017 maßvoll.“

Dagegen gab es deutliche Kritik an der Industrie aus der Politik. Die Gesundheitsexpertin der Linken Sylvia Gabelmann forderte, den „Phantasiepreisen“ der Pharmaindustrie einen Riegel vorzuschieben und warf der Bundesregierung Untätigkeit vor.

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