Pathologisierung, Medikalisierung und Kommerzialisierung des weiblichen Körpers beenden – Frauengesundheitsthemen müssen sichtbarer werden:

Ein Besuch beim Feministischen Frauengesundheitszentrum Hagazussa e.V.

Das Feministische Frauengesundheitszentrum Hagazussa e.V. befindet sich in Köln-Deutz und richtet sich mit verschiedenen Angeboten an Frauen jeder Altersgruppe. Übergeordnetes Ziel der dort arbeitenden Frauen ist es, Frauen in ihren unterschiedlichen gesundheitlichen Anliegen dazu zu befähigen, selbstbestimmt und selbstverantwortlich ihre Interessen vertreten zu können – unter Umständen auch entgegen den Meinungen von GynäkologInnen. Die Gründung des Zentrums geschah im Kontext der Frauengesundheitsbewegung – zugrunde lag die Unzufriedenheit vieler Frauen mit den Angeboten der herkömmlichen Medizin. Eine ganzheitliche und feministische Auffassung des Gesundheitsbegriffs wird dem immer noch am Mann orientierten und auf Effizienz ausgerichteten Gesundheitssystem entgegengestellt. Am 6.10.2020 hat eine meiner MitarbeiterInnen das FFGZ besucht.

Beratungen werden dort hauptsächlich von Diplom- Pädagogin Bia Peitz, die außerdem ausgebildete Psychodramaleiterin ist, durchgeführt. In solchen Beratungen werden vielfältige, sensible und komplexe Themen angegangen – so zum Beispiel das Abwägen von Operationsalternativen, oder auch das Für und Wider der Inanspruchnahme von pränataldiagnostischen Verfahren. Besonders Frauen ab 35 werden oftmals von ÄrztInnen zur Durchführung eben dieser Verfahren gedrängt – einigen sei es wichtig, Unterstützung bei der eigenen Entscheidungsfindung zu bekommen. Dazu werden Ängste und Vorstellungen mit der jeweiligen Frau diskutiert: „Wieviel Angst habe ich vor was?“ sei eine sinnvolle Frage, um sich der eigenen Entscheidung zu nähern. Wichtig dabei: Eine falsche Entscheidung gibt es nicht – jede Frau kann selber ihren Weg finden, der für sie gangbar ist. Auch im Kontext der Pandemie seien genau solche Fragen relevant gewesen, da viele Frauen sich entscheiden mussten, ob Operationen Aufschub dulden konnten, oder nicht.

Neben Beratungen und Workshops bietet das FFGZ eine FrauenärztInnenkartei an, die auf gesammelten individuellen Erfahrungen basiert. Auch im digitalen Zeitalter ist die Kartei noch nachgefragt, erzählt Frau Peitz. Bei ihrer Einführung sei sie ein Politikum gewesen, die Allgemeinheit habe Frauen nicht zugetraut, die Qualität ihrer ÄrztInnen-Besuche selber bewerten zu können. Die Kartei bietet Aufschluss über Ablauf des Besuchs bzw. der Behandlung, der Atmosphäre, dem Verhalten des Arztes oder der Ärztin, aber zum Beispiel auch über Erfahrungen von behinderten Frauen.

Das Zentrum hat in der Vergangenheit immer wieder Tabuthemen aufgegriffen und in die Öffentlichkeit getragen, so zum Beispiel die Thematik „Lesben und Kinderwunsch“. Hierzu ist die rechtliche Lage nach wie vor schwierig zu überblicken, und das FFGZ erhält Beratungsanfragen aus ganz NRW.

Allgemein findet – aufgrund der umfassenden Profitorientierung – eine Tendenz hin zur Medikalisierung und Kommerzialisierung des weiblichen Körpers statt: Natürliche Zustände, wie die Menstruation, die Schwangerschaft oder auch die Wechseljahre, werden als krankhaft deklariert, und mit Medikamenten behandelt. Zyklisches Leben wird pathologisiert. Auch ganz grundsätzlich treten die unterschiedlichen gesundheitlichen Belange von Frauen und Männern in der Ausbildung von MedizinerInnen in den Hintergrund: Medikamente werden oft an normalgewichtigen Männern zwischen 30 und 40 getestet; dass eine andere Wirkungsweise bei Frauen vorliegen kann, wird ausgeblendet. Es sei schwierig, überhaupt einen Dialog zwischen den Interessensvertreterinnen der Frauengesundheit und dem konventionellen Gesundheitssystem zu organisieren, erzählt Frau Peitz. Dazu muss zunächst eine gemeinsame Basis geschaffen werden. Um Frauen dennoch dabei zu unterstützen, den Bezug zu ihrem eigenen Körper herstellen zu können, werden im FFGZ Workshops der Selbstuntersuchung angeboten, wobei auch die heilsame Wirkung der Gruppe im Fokus steht.

Jede Zeit habe ihre eigenen Probleme, Diskussionen und Zwänge: Heutzutage sei zum Beispiel die Reizüberflutung durch Handys und Internet, sowie auch Essstörungen, Themen, die besonders junge Frauen beschäftigten. Durch die Masse der Eindrücke werden ungesunde Körperbilder, und auch falsche – mitunter gewaltbeladene – Bilder von Sexualität transportiert. Mädchen und Frauen können aber auch in diesem Punkt lernen, selbstbestimmt zu leben und zu entscheiden, was davon sie sich ansehen wollen.

Die Frauengesundheitsbewegung wurde seit ihren Anfängen vom Mainstream kritisch beäugt, belächelt, und Ende der 70er sogar als extremistisch eingestuft. Auch heutzutage wird die Relevanz der spezifischen Beachtung von Frauengesundheitsthemen verkannt. Das lange Warten auf den eigentlich für 2020 angekündigten Frauengesundheitsbericht zeigt, wie wenig die Thematik im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung steht. Ein neuer Bericht wäre unbedingt nötig, um neue Behandlungs- und Präventionsansätze zu entwickeln, beziehungsweise die aktuelle Situation an tatsächliche Bedürfnisse anzupassen. Auch die Frauengesundheitszentren erfahren wenig Wertschätzung von öffentlicher Seite: Das FFGZ Hagazussa e.V. ist das einzig verbliebene Frauengesundheitszentrum in NRW; momentan wird etwa eine halbe Stelle durch die Stadt Köln finanziert, eine weitere Frau arbeitet auf ehrenamtlicher Basis. Bia Peitz wünscht sich, dass das Zentrum noch lange weiter existieren kann und von jungen Frauen weitergeführt wird. An Interessentinnen mangelt es dabei nicht – solange keine verlässliche Finanzierung gegeben ist, kann aber keine weitere Frau eingestellt werden. Unterstützende Finanzierung vom Land NRW würde diese Problematik lösen.

Denn was ist am wichtigsten, damit Frauen sinnvoll und ohne Druck beraten werden können? „Genug Zeit haben – außerhalb des Systems“, sagt Frau Peitz: im FFGZ wird Frauen zugehört, und sie werden nicht abgefertigt. Und Spaß an der Sache ist wichtig – denn genau das soll vermittelt werden: Dass Frausein, mit allem was dazugehört, nicht mit Angst, sondern mit Spaß und Lust verbunden werden kann.

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